Mut zur Nicht-Optimierung und wer oder was ist eigentlich krank?

In praktisch jeder erfolgreichen psychotherapeutischen Behandlung kommt es zu einer gewissen Persönlichkeitsentwicklung. Das liegt in der Natur der Sache. Unabhängig vom spezifischen Anlass oder Problem, der/das zur Psychotherapie geführt hat, setzt sich der Patient intensiv mit seiner Person auseinander und dies führt in der Regel zur Reifung.

Darüber hinaus kann es sein, dass eine Persönlichkeitsproblematik das Hauptmotiv für eine Behandlung ist. Bei einem Menschen der unter einer manifesten Persönlichkeitsstörung leidet, konnte während seiner Entwicklung gewisse Basisfunktionen der psychischen Struktur nicht entwickelt werden. Als Gründe hierfür finden wir häufig schwierige Beziehungen in der KindheitTraumatisierungen oder frühe Zurückweisung oder Vernachlässigung. Solche Erfahrungen können verhindern, dass wesentliche Aspekte der Persönlichkeit, wie BeziehungsfähigkeitGrundvertrauen oder Selbstwert entstehen. 

Von Außen betrachtet werden diese Schwierigkeiten sichtbar in der Art und Weise wie der Betroffene mit seinem Leben umgeht. Die Probleme werden vor allem mit der Zeit deutlich. Meist ist ein großer Leidensdruck vorhanden  - und leidet der Betroffene selbst nicht, so leidet oft das Umfeld.

Es gibt unterschiedliche Formen von Persönlichkeitsstörungen und auch unterschiedliche Schwerergrade. Inzwischen recht gut bekannt ist die emotional instabile Persönlichkeitsstörung, hierunter die impulsive Persönlichkeit und die Borderline Persönlichkeit. Gut erforscht ist auch die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Es gibt aber auch weitere Formen wie z.B. die histrionische, die abhängige, die schizoide, die paranoide, die dissoziale und die ängstliche Persönlichkeitsstörung.  

Aber, wenn das gesagt ist, jeder Mensch hat seine Schwachstellen und jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens gewisse Abwehrmechanismen. Das gehört zum Leben dazu. Gewisse Defizite zu haben, heißt also noch lange nicht, dass es sich um das volle Spektrum einer Persönlichkeitsstörung handelt. Im Alltag wird oft sehr schnell mit irgendwelchen Diagnosen herumgeworfen und wir nennen einander gestört. Hier sollten wir sorgfältiger werden.

Wir sprechen eben von einem Spektrum. Viele sind verunsichert, wollen wissen, ob Sie normal sind, ob das normal ist, was Sie denken, fühlen oder tun. Liegt das Problem bei mir oder bei den anderen? Viele Menschen können sich selbst, und oft auch nicht die Welt draussen, einordnen.   

Dazu trägt auch die gesellschaftliche Entwicklung bei. In der der Psychotherapie sprechen wir oft von der Fähigkeit zur Anpassung, z.B. zur Anpassung an veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, an sozialen Anforderungen oder an persönlichen Gegebenheiten oder Grenzen. Wenn wir aber eine Zeit- und Gesellschaftsdiagnose stellen, müssen wir uns fragen, ob nicht gewisse Anpassungen eher krankheitsfördernd sind? Wir müssen uns mit der Frage auseinander setzen, wie sich die ständige gesellschaftliche Dynamisierung des Wettbewerbs und die Anerkennungsstrukturen sich auf das Individuum einwirken. Wie gehen wir mit Perfektionszwängen und mit der Selbstoptimierung um und welche Folgen haben diese für soziale Beziehungen oder für den Umgang mit dem eigenen Körper?

Wir beobachten zunehmend unterschiedliche Erscheinungsformen der Erschöpfung und Überforderung sowie krankhaft übertriebene Formen der Optimierung. Es ist bereits zu Verschiebungen im Verständnis von Pathologie und Normalität gekommen und wir sprechen von zeittypischen Pathologien.

Viele Menschen und Patienten fragen sich, ob es möglich ist, unter den veränderten Rahmenbedingungen, etwas zu verändern. Sind wir nicht nur Produkte des Umfelds und von Entwicklungen die wir nicht beeinflussen können? Nein, das sind wir nicht. 

Wenn wir uns mit dem Druck und mit den Entscheidungen und den Ambivalenzen die uns belasten beschäftigen und dabei mit uns selbst ehrlich sind, sehen wir, dass wir immer einen gewissen Entscheidungs- und Handlungsspielraum haben. Diesen gilt es zunächst zu erkennen. Ob wir unsere Möglichkeiten dann auch nützen, ja, das ist oft eine Frage des Mutes, vielleicht eine Frage des Mutes zur Nicht-Optimierung