Ich und Ichideal

 

Das Ichideal hat eine besondere Bedeutung für die Regulation des Selbstwertgefühls und somit auch für die Entwicklung von Schamgefühlen.

Der Begriff Ichideal wurde von Freud, erstmals in „Zur Einführung des Narzissmus“ (1914) verwendet. Das Ichideal wird als ein Ersatz für den verloren gegangenen Narzissmus der frühen Kindheit im Ich aufgerichtet, (Peters, 2007).

Die Diskrepanz zwischen Ich und Ichideal hat eine wichtige Funktion hinsichtlich der Regulation narzisstischer Affekte. Die erlebte Übereinstimmung zwischen Ich und Ichideal ist begleitet vom gehobenen Selbstwertgefühl. Ein Gewahrwerden von Nichtübereinstimmung bzw. von einer größer werdenden Diskrepanz löst Schamgefühle aus.

Eine von Piers und Singer (1952) formulierte These besagt, dass die Scham auf eine Spannung zwischen Ich und Ichideal beruht, während Schuldgefühle auf einer Spannung zwischen Ich und Über-Ich zurückzuführen ist (in Peters, 2007, S. 83).

Im Alter kommt es zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen Ich und Ichideal. Wie bereits oben erwähnt, tragen körperliche Einschränkungen, gesellschaftliche und soziale Verluste maßgeblich dazu bei. Aber auch der Verlust der Zukunft rückt das Ichideal in weitere Ferne.

Psychoanalytisch gesehen funktioniert das System Überich/Ichideal unter dem Gesichtspunkt der Zukunft des Ich. So gesehen kann das Verhältnis zwischen Ich und Ichideal als Wechselbeziehung zwischen Gegenwart und Zukunft angesehen werden. Die Schamgefühle nehmen dann ab, wenn der Abstand zwischen Ich und Ichideal verringert werden kann. Wenn das Ichideal jedoch von sehr hohen narzisstischen Ansprüchen geprägt ist bzw. sich als unflexibel und unintegriert erweist, kann es kaum gelingen, die Würde herzustellen.

In der Arbeit mit älteren Menschen stellen wir uns die Frage, ob es überhaupt möglich ist im Alter einen gesunden Narzissmus zu entwickeln? Es wird trotz oder bei unleugbarem Abbau und Verlust von Fähigkeiten eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit verlangt - eine ungeheuerliche Aufgabe.

Dennoch finden sich Lösungsvorschläge, zumindest in der Literatur. Einerseits ist ein flexibles und integriertes Ichideal, wie immer, hilfreich. Der Abstand zwischen Ich und Ichideal kann dann verringert werden, wenn ein partieller Abzug libidinöser Besetzung und eine Sublimierung der bis jetzt herrschenden narzisstischen Ziele gelingt (Peters, 2007).

Theoretisch sollte dies zu mehr Gelassenheit und einer besseren Realitätsanpassung führen. Aber letztendlich würde dieser Vorgang im Grunde nur eine Selbstbeschränkung beschreiben. Für eine erfolgreiche Adaptation und für „gelungenes“ Altern kommen möglicherweise weitere Prozesse hinzu, z.B. der des transformierten Narzissmus.